Nach seinem ersten Amtsjahr zieht Bürgermeister Harald Lenßen selbstzufrieden Bilanz. Bei näherem Hinsehen sind seine beiden wichtigsten Aktivposten "Bürgernähe" und "Gestalten macht Spaß" mehr Schein als Sein. "Bürgernähe" erschöpft sich nicht in Sprechstunden, die gab es schon immer. Auch nicht in einer eigens erstellten Fotoserie von Olaf Fuhrmann mit Rathaus und Bürgermeister von allen Seiten. Und auch nicht im Eisverteilen auf Jugendfreizeiten, sondern in der Umsetzung des Bürgerwillens. Da war die Absetzung des Bürgerantrags, den er inzwischen selbst als "eindeutigen Fehler" bezeichnet, leider kein Ausrutscher. Vielmehr wird die Methode der selbstherrlichen Entscheidungen über die Köpfe der Bürger und Fraktionen hinweg fortgesetzt.
Die Entscheidung des Kombistandortes hat er als führendes CDU-Fraktionsmitglied jahrelang selbst forciert. Als die Kosten auf rund 9 Millionen stiegen, war die Legitimitätsgrundlage der vorherigen Ratsmehrheit nicht mehr gegeben. Statt einen neuen Konsens zu suchen, verhalf er seiner Partei mitsamt Koalitionspartner mit seiner Stimme zur Mehrheit. "Stuttgart 21" läßt grüßen, wo die Kostenexplosion allen bisherigen Ratsbeschlüssen die Grundlage entzogen hat. Dieser BASTA-Politik wurde jetzt mit der Methode der offenen Erpressung die Krone aufgesetzt.
Zur Wiedereröffnung des Freizeitbades und der Sauna war die Verwaltung vom Rat beauftragt, einen Vertragsentwurf mit der sbbMoers/ENNI zu erarbeiten. Dieser hat die künftigen Arbeitsbedingungen des Personals zu regeln, angesichts des erklärten Ziels von sbb/ENNI, durch Personaleinsparungen und Einsatz von Fremdfirmen Gewinne zu erzielen. Anfang Oktober wurde der Rat vor die "Wahl" gestellt, dass das Freizeitbad nur dann am 23. Oktober wieder eröffnet werden könne, wenn die Fraktionen in einem Dringlichkeitsentscheid dem Vertrag zustimmen. Längst waren hinter dem Rücken der Fraktionen Fakten geschaffen, die von ENNI diktiert wurden. Statt rechtzeitig vor der Ratssitzung am 29. September den Vertragsentwurf vorzulegen, tagte der Freizeitbeirat erst danach am 4. Oktober. Angesichts des desolaten Zustandes des Diesterwegschwimmbeckens war eine Verzögerung der Wiedereröffnung des Freizeitbades nicht zu verantworten. Die Fraktionen hatten keine Wahl. Es wäre die Pflicht des gestaltungsfreudigen Bürgermeisters und ENNI-Aufsichtsratsmitglieds Lenßen gewesen, für eine rechtzeitige Erstellung der Verträge zu sorgen, statt die Herren von der ENNI erstmal in Ruhe ihren Urlaub machen zu lassen. Inzwischen drängt sich der Verdacht auf, dass dahinter Methode steckt, um unliebsame Entscheidungen durchzudrücken.